Der kinderärztliche Notdienst bietet Eltern in Notfällen eine strukturierte Versorgung.
In Deutschland stellt der kinderärztliche Notdienst außerhalb der regulären Sprechzeiten eine wichtige Anlaufstelle für Eltern dar. Dieser Guideline erklärt, wie Eltern die richtigen Schritte im Notfall wählen können, um Wartzeiten zu minimieren und die geeignete Versorgung zu erhalten.
- Der kinderärztliche Notdienst funktioniert über die Rufnummer 116 117.
- Es gibt drei Versorgungsebenen: Bereitschaftspraxen, Notaufnahmen und Rettungsdienst.
- Digitalisierte Lösungen wie Apps unterstützen Eltern bei der Orientierung im Notfall.
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So funktioniert die Versorgung außerhalb der Praxiszeiten
Dass der Ruf nach dem kinderärztlichen Notdienst oft in die Abend- oder Nachtstunden fällt, ist kein Zufall: Laut einer Auswertung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) aus dem Jahr 2023 entfallen rund 62 Prozent aller pädiatrischen Bereitschaftsdienstkontakte auf den Zeitraum zwischen 18 Uhr und 8 Uhr morgens. Die Stunden, in denen reguläre Praxen geschlossen sind und Eltern ohne Netz für Rückfragen dastehen.
Das dahinterliegende Versorgungssystem ist dabei weit komplexer als ein einzelner Anruf beim Hausarzt: Es verzahnt kassenärztliche Bereitschaftspraxen, pädiatrische Notaufnahmen an Kliniken und den Rettungsdienst zu einem mehrstufigen Netz, das bundesweit nach demselben Grundprinzip funktioniert, regional aber erheblich variiert. Wer die Strukturen kennt und die eigene Einschätzungskompetenz schult, navigiert im Ernstfall schneller, belastet das System sinnvoll und vermeidet gefährliche Verzögerungen.
Dieser Leitfaden führt dich Schritt für Schritt durch den gesamten Prozess: von der ersten Symptombewertung über Triage und Wartezeiten bis zur Entlassung und Weiterbehandlung.
WICHTIGER HINWEIS:
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung. Eine individuelle Diagnose oder Behandlung kann ausschließlich durch qualifiziertes medizinisches Fachpersonal erfolgen.
Wie das Notdienstsystem in Deutschland strukturiert ist
Deutschland verfügt über ein gestuftes System der ambulanten Notfallversorgung, das auf dem Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) basiert. Außerhalb der regulären Sprechzeiten, also werktags ab etwa 18 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen ganztägig, übernehmen die KVen die ärztliche Versorgung über den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst. Für Kinder und Jugendliche ist dieser Bereitschaftsdienst häufig mit spezialisierten pädiatrischen Ressourcen verknüpft, die je nach Region jedoch sehr unterschiedlich ausgebaut sind.
Welche drei Versorgungsebenen existieren?
Das System gliedert sich in drei aufeinander aufbauende Ebenen:
| Ebene | Anlaufstelle | Geeignet für |
|---|---|---|
| 1 | Telefonische Beratung (116 117 / 112) | Ersteinschätzung, Unsicherheit, stabile Symptome |
| 2 | Bereitschaftspraxis / Kinderarzt-Notdienst | Nicht lebensbedrohliche, aber behandlungsbedürftige Beschwerden |
| 3 | Kindernotaufnahme / Rettungsdienst | Akute Notfälle, Bewusstlosigkeit, schwere Atemnot, Krampfanfall |
Die Bereitschaftspraxen sind vielerorts direkt an Krankenhäuser oder Gesundheitszentren angegliedert, was eine nahtlose Eskalation in die stationäre Versorgung ermöglicht. Bundesweit gibt es rund 1.500 solcher Praxen; in ländlichen Regionen werden sie häufig als Fahrbereitschaftsdienst organisiert, bei dem Ärztinnen und Ärzte zum Patienten kommen.
Wer trägt die Verantwortung für den Kindernotdienst?
Die 17 Krankenversicherungen in Deutschland koordinieren den Bereitschaftsdienst eigenständig, weshalb regionale Unterschiede erheblich sind. In Bayern etwa operiert der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der einheitlichen Rufnummer 116 117 mit einem gut ausgebauten pädiatrischen Kompetenzbereich.
In einigen Stadtstaaten hingegen ist die Kindernotaufnahme der Uniklinik faktisch die primäre Anlaufstelle für außerplanmäßige pädiatrische Konsultationen. Eltern sollten sich daher vorab über die spezifischen Strukturen in ihrer Region informieren.
Schritt für Schritt: So funktioniert der kinderärztliche Bereitschaftsdienst
Wenn ein Kind außerhalb der regulären Sprechzeiten erkrankt, ist oft unklar, welche Anlaufstelle die richtige ist. Der kinderärztliche Bereitschaftsdienst soll Familien dabei unterstützen, auch abends, nachts, an Wochenenden und Feiertagen eine angemessene medizinische Versorgung zu erhalten.
Ziel dieses Leitfadens ist es, den Ablauf des Bereitschaftsdienstes verständlich zu erklären und die verschiedenen Versorgungswege einzuordnen. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Schritt 1: Die passende Anlaufstelle wählen
Der erste Schritt besteht darin, die geeignete Anlaufstelle zu finden. Grundsätzlich gilt: Der kinderärztliche Bereitschaftsdienst ist für Erkrankungen gedacht, die zeitnah ärztlich abgeklärt werden sollten, aber in der Regel bis zur nächsten regulären Sprechstunde nicht warten können und gleichzeitig keinen offensichtlichen lebensbedrohlichen Notfall darstellen.
Besteht der Eindruck, dass das Leben oder die Gesundheit des Kindes unmittelbar gefährdet sein könnte oder sofortige medizinische Hilfe erforderlich ist, sollte unverzüglich der Rettungsdienst über die 112 verständigt werden. In allen anderen Fällen kann der kassenärztliche Bereitschaftsdienst unter der bundesweit einheitlichen Rufnummer 116 117 eine erste Orientierung bieten.
Schritt 2: Die telefonische Ersteinschätzung
Die 116 117 dient als zentrale Anlaufstelle des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes. Dort erfolgt eine strukturierte telefonische Ersteinschätzung durch medizinisch geschultes Personal. Ziel ist es, die passende Versorgungsform zu ermitteln und Patienten an die richtige Stelle weiterzuleiten.
Je nach geschilderter Situation kann empfohlen werden, eine kinderärztliche Bereitschaftspraxis aufzusuchen, einen Hausbesuch zu organisieren, sofern dies regional angeboten wird, oder eine Krankenhausambulanz beziehungsweise Notaufnahme aufzusuchen. Welche Möglichkeiten zur Verfügung stehen, kann je nach Region unterschiedlich sein.
Für die telefonische Einschätzung ist es hilfreich, grundlegende Informationen bereitzuhalten. Dazu gehören beispielsweise:
- Das Alter des Kindes
- Die beschriebenen Beschwerden
- Deren zeitlicher Verlauf
- Bekannte Vorerkrankungen
- Regelmäßig eingenommene Medikamente
Diese Angaben unterstützen die Einschätzung der Situation, ersetzen jedoch keine ärztliche Untersuchung.
Schritt 3: Untersuchung und Behandlung
Ergibt die Ersteinschätzung, dass eine ärztliche Untersuchung erforderlich ist, erfolgt die weitere Versorgung in der empfohlenen Einrichtung. Dort entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt anhand der Untersuchung über die nächsten Schritte. Falls notwendig, kann auch eine Überweisung in ein Krankenhaus erfolgen.
Der kinderärztliche Bereitschaftsdienst ist Teil der ambulanten Notfallversorgung und soll insbesondere außerhalb der regulären Praxisöffnungszeiten eine medizinische Versorgung sicherstellen. Gleichzeitig trägt die strukturierte Steuerung der Patienten dazu bei, Notaufnahmen zu entlasten und Kinder möglichst in der für ihre Situation geeigneten Versorgungsstruktur behandeln zu lassen.
WICHTIGER HINWEIS:
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information über den Ablauf und die Organisation des kinderärztlichen Bereitschaftsdienstes. Er enthält keine medizinischen Handlungsempfehlungen und kann eine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung nicht ersetzen. Ob und welche medizinischen Maßnahmen erforderlich sind, kann nur von qualifiziertem medizinischem Fachpersonal im Rahmen einer individuellen Beurteilung entschieden werden. Bei Unsicherheit oder wenn der Gesundheitszustand eines Kindes Anlass zur Sorge gibt, sollte professionelle medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden.
Regionale Unterschiede und digitale Entwicklungen im Notdienstsystem
Die pädiatrische Notfallversorgung unterscheidet sich in Deutschland erheblich nach Region.
In Großstädten wie München, Berlin oder Hamburg:
- spezialisierte Kindernotaufnahmen
- pädiatrische Präsenz rund um die Uhr
- Fahrtzeiten von meist weniger als 15 Minuten
In dünn besiedelten Regionen wie der Uckermark, dem Sauerland oder Teilen Mecklenburg-Vorpommerns:
- Fahrstrecken von 40 bis 60 Kilometern bis zur nächsten pädiatrischen Notaufnahme
- deutlich längere Anfahrts- und Interventionszeiten
- eingeschränkter Zugang zu spezialisierten Versorgungsangeboten
Um diese regionalen Unterschiede zu reduzieren, arbeitet der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) seit 2023 an einer Reform der ambulanten Notfallversorgung. Geplant sind sogenannte Portalpraxen, die direkt an Kliniken angesiedelt werden und als zentrale Erstanlaufstelle dienen.
Erste Pilotprojekte in Teilen Sachsens und Niedersachsens zeigen eine Entlastung der Notaufnahmen um 15 bis 20 Prozent, ohne dass sich die Versorgungsqualität verschlechtert.
Welche digitalen Hilfsmittel gibt es für Eltern?
Für die praktische Orientierung im Akutfall stehen mehrere konkrete digitale Ressourcen zur Verfügung:
- die App „Sofort-Hilfe“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV)
- regionale KV-Apps, etwa die „KV Safenet“-Anwendungen einzelner Länder-KVen
- die Website 116117.de mit Praxissuche und Symptom-Checker
- Videosprechstunden einzelner KVen, darunter die KV Nordrhein und die KV Bayern
Die App „Sofort-Hilfe“ und regionale KV-Apps ermöglichen es, die nächste geöffnete Bereitschaftspraxis in Echtzeit zu lokalisieren und in einigen Regionen direkt einen Termin zu buchen. Die Website 116117.de unterstützt zusätzlich mit einem Symptom-Checker bei der Einschätzung der Dringlichkeit.
Videosprechstunden im Rahmen des Bereitschaftsdienstes eignen sich besonders für die nächtliche Beurteilung von Hautausschlägen, Augenbindehautentzündungen oder Atemwegsinfekten. Laut KBV-Daten aus 2024 wurden rund 8 Prozent aller Bereitschaftsdienstkontakte digital abgewickelt, mit steigender Tendenz.
Wie bereiten sich Eltern optimal vor?
Vorausschauende Vorbereitung reduziert den Stress im Akutfall erheblich. Konkret empfehlen sich folgende Maßnahmen:
- Rufnummern speichern: 116 117 (Bereitschaftsdienst), 112 (Rettungsdienst), regionale Giftnotrufzentrale – für Deutschland die wichtigsten: Berlin 030 19240, Bonn 0228 19240, München 089 19240, Erfurt 0361 730730
- Dokumente griffbereit aufbewahren: U-Heft, Impfausweis und Krankenversichertenkarte am besten in einer festen Mappe; viele Praxen bieten mittlerweile digitale Vorerfassung über die App an, die das Einchecken beschleunigt
- Hausapotheke standardisieren: Fieberthermometer (Ohr- oder Rektalthermometer für Säuglinge), gewichtsadaptiertes Ibuprofen und/oder Paracetamol (Dosierungsschema am Beipackzettel orientieren oder beim Kinderarzt erfragen), physiologische Kochsalzlösung zur Nasenspülung, Elektrolytlösung bei Durchfall
- Nächste Bereitschaftspraxis und Kindernotaufnahme recherchieren: Die Adressen und Öffnungszeiten lassen sich über 116117.de und die jeweilige KV-Website abrufen – idealerweise als Screenshot gespeichert, da im Akutfall Mobilfunknetz oder Akku fehlen können
- KV-App der eigenen Region installieren: Welche App relevant ist, zeigt die Übersicht auf 116117.de unter dem Menüpunkt „Apps & digitale Angebote"
Fazit: Souverän handeln im kinderärztlichen Notdienst
Der kinderärztliche Notdienst in Deutschland ist ein leistungsfähiges, aber regional ungleich verteiltes System, das nur dann optimal funktioniert, wenn Eltern die richtigen Anlaufstellen zur richtigen Zeit wählen. Die 116 117 als erste Eskalationsstufe, die Bereitschaftspraxis für nicht lebensbedrohliche Akutsituationen und die Kindernotaufnahme für komplexe oder kritische Fälle – diese Dreistufigkeit entlastet alle Beteiligten und sorgt für schnellere Behandlung genau dort, wo sie benötigt wird.
Wer die Triagelogik versteht, die eigene Region kennt und vorbereitet ist, agiert im Ernstfall ruhiger und zielgerichteter. Das nützt dem Kind – und dem gesamten Versorgungssystem.
FAQ zum Thema: Kinderärztlicher Notdienst
Wie funktioniert der kinderärztliche Notdienst in Deutschland?
Der Kinderarzt-Notdienst ist Teil des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes, der außerhalb regulärer Praxiszeiten von den Kassenärztlichen Vereinigungen organisiert wird. Der Einstieg erfolgt in der Regel über die Rufnummer 116 117, über die eine telefonische Ersteinschätzung stattfindet und bei Bedarf eine Bereitschaftspraxis oder ein Hausbesuch vermittelt wird. Die Behandlung orientiert sich an klinischer Dringlichkeit, nicht an der Reihenfolge des Erscheinens.
Wann sollte man zum kinderärztlichen Notdienst und wann in die Notaufnahme?
Zum Bereitschaftsdienst gehören nicht lebensbedrohliche, aber behandlungsbedürftige Beschwerden wie Ohrenschmerzen, Fieber unter 40,5 °C bei gutem Allgemeinzustand oder leichte Atemwegsinfekte. Die Kindernotaufnahme ist die richtige Wahl bei Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen, schwerer Atemnot, Meningismuszeichen oder schweren Verletzungen. Im Zweifel gilt: Anruf bei 116 117 zur Einschätzung, bei lebensbedrohlichen Zeichen direkt 112 wählen.
Kann man beim kinderärztlichen Notdienst ohne Termin erscheinen?
Ja, Bereitschaftspraxen nehmen grundsätzlich auch ohne vorherige Anmeldung auf. In vielen Regionen ist es jedoch möglich, über die 116 117 oder die jeweilige KV-App einen Termin zu buchen, was die Wartezeit erheblich verkürzen kann. Ohne Termin können Wartezeiten von 60 bis 120 Minuten entstehen, da Kinder nach medizinischer Dringlichkeit, nicht nach Eintreffen behandelt werden.
Was kostet der Besuch beim kinderärztlichen Notdienst?
Für gesetzlich versicherte Kinder entstehen in Bereitschaftspraxen grundsätzlich keine zusätzlichen Kosten – die Versorgung ist Kassenleistung. Privatversicherte Kinder werden ebenso behandelt; die Abrechnung erfolgt nach GOÄ über die private Krankenversicherung. Für den Rettungsdienst können je nach Versicherungsvertrag Zuzahlungen oder anteilige Kosten anfallen, insbesondere wenn der Einsatz medizinisch nicht indiziert war.
